• Susi

  • Veröffentlicht am

    März 10, 2022

  • Lesedauer

    8 Minuten

Auf den Spuren von Madame Montessori, Der Pionierin Moderner Entwicklungs-Pädagogik

Fachberatung Kinderfürsorge

Maria Montessori 1913 Colorized

Würde Madame Montessori heute in eine moderne Kita kommen, wäre sie sicher begeistert! Denn viele ihrer Ideen und Methoden sind so selbstverständlich geworden, dass man es sich gar nicht mehr anders vorstellen kann. Zum Beispiel die kleinen und leichten Kindermöbel, die die Kids selbstständig dorthin tragen können, wo sie sie brauchen.

Würde Madame Montessori heute aber in ein ganz normales Kinderzimmer kommen, würde sie wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen! Viel zu viel Spielzeug, das unordentlich herumfliegt. „So kann sich doch kein Kind auf eine neue Lernaufgabe konzentrieren!“, würde sie vielleicht sagen.

 

Maria Montessori war zu ihrer Zeit eine Pionierin moderner Erziehungs- und Lernmethoden. 1870 in Italien geboren, war sie eine der ersten Frauen, die ein Medizinstudium mit Promotion abschloss. Sie engagierte sich schon damals für die Persönlichkeitsrechte, insbesondere für die Rechte von Frauen. Den Ursprung zu ihrem – damals sehr fortschrittlichen – Denkansatz legte eine Beobachtung, die sie in der psychiatrischen Arbeit mit geistig behinderten Kinder machte. Sie stellte fest, dass einige Kinder nur darum in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren, weil ihnen jegliche Förderung gefehlt hatte! Es bestand also keine unveränderliche Einschränkung, sondern verschiedene Fähigkeiten konnten durch gezielte Ansprache erlangt und verbessert werden. So begann sie, spezielle Arbeitsmittel – sogenanntes „Sinnmaterial“ zu entwickeln. Und wirklich: Es gelang ihr, die Kinder zu interessieren, ihre Neugier zu wecken und ihre Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit zu stimulieren.

 

Bildungskonzept mit „Sinn“

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnete Maria Montessori ihr pädagogisches Bildungskonzept immer weiter. Das erste Kinderhaus wurde 1919 in Berlin gegründet. Es folgten weitere Kinderhäuser in Wien. Doch die Nationalsozialisten ließen ab 1938 alle Montessori-Einrichtungen schließen – ihnen war der offene und freie Bildungsansatz von Maria Montessori ein Dorn im Auge. Die Einstellung, dass jeder Mensch in seinen Persönlichkeitsrechten bestärkt werden und sich frei entfalten soll, widersprach der des NS-Regimes. Trotzdem verbreitete sich ihre Pädagogik bis nach England und die USA, wo insbesondere für das englische Schulwesen die Leitidee der Montessori-Pädagogik eine große Innovation bedeutete.

Nach 1945 nahmen die Montessori-Anhänger ihre Arbeit wieder auf, veranstalteten internationale Ausbildungskurse und gründeten in Österreich die erste Montessori-Gesellschaft. Viele weitere Kindergärten und Schulen setzten ihr Konzept um – bis heute wird das Montessori Konzept weltweit unterrichtet und findet immer mehr Anhänger, die aus Überzeugung die Vorstellungen Maria Montessoris lehren oder ihre Kinder an Montessori- Einrichtungen unterrichten lassen.

 

Sie vertraute der Eigeninitiative der Kinder

Kinder sollen frei lernen, ohne Einschränkung und ohne Bewertung. Sowohl Belohnung als auch Strafen hemmen die Entwicklung des Kindes und lähmen seine eigene Motivation. „Kinder wollen lernen, es liegt in ihrer Natur, am Leben teilnehmen zu wollen“, war Montessoris Credo. Darum ist es nur logisch, die Kinder auf ihre eigene Entwicklungsreise zu schicken: mit liebevoller Unterstützung und im geschützten Rahmen. Sie sollen ihr eigenes Lerntempo finden, selber entscheiden, wann und wie oft sie Lektionen wiederholen möchten und vor allem – sie entscheiden selbst, was sie lernen möchten!

Dabei unterteilt Montessori (und heute die meisten Pädagogen), den kindlichen Entwicklungsprozess in drei Phasen: erstes Kindheitsstadium (0 bis 6 Jahre), zweites Kindheitsstadium (6 bis 12 Jahre) und Jugendalter (12 bis 18 Jahre). Die erste und dritte Phase werden jeweils in weitere dreijährige Unterphasen eingeteilt.

Im ersten, dem prägenden Kindheitsstadium entwickeln sich die Persönlichkeit und die Fähigkeiten des Kindes, Geist und Psyche des Kindes prägen sich aus. Von 0 bis 3 Jahren bauen sich die intellektuellen, motorischen und auch sozialen Funktionen auf, die dann im Alter von 3 bis 6 Jahren weiterentwickelt und langfristig gespeichert werden. Diese Phase ist prägend für das ganze Leben. Sie meinte: „Erwachsene Individuen umändern zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch.“ Hier liegt aber auch die große Chance! Denn die Freiheit des Kindes muss als Grenze das Gemeinwohl haben. Es muss lernen, dass es verboten ist, andere Menschen zu kränken, zu verletzten oder ihnen zu schaden. Damit definierte Montessori schon damals die noch heute geltenden Erziehungsvorgaben, nämlich dass ein Kind lernen soll, „sozial, teamfähig und integrativ“ zu handeln.

 

Wenn ein Kind alles um sich herum vergisst …

… dann sah Montessori darin eine ganz besondere Lernphase, die es einen riesigen Schritt voranbringe – und die es ganz eigenständig durchläuft. Dann widmet sich das Kind ganz konzentriert einer Aufgabe. Jeder, der selbst Kinder hat, kennt das! Das Kind lässt sich nicht mehr ablenken, es ist so vertieft, dass es um sich herum nichts mehr wahrnimmt. In einer solchen Phase findet ein Erkenntnisprozess statt, der nicht nur sein Denken, sondern auch seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst. Als Montessori diese Beobachtung analysierte und die Wichtigkeit dieser Phase erkannte, war für sie klar: Ich muss Gegenstände finden, die diese Konzentration hervorrufen! So kann die Entwicklung eines Kindes positiv unterstützt werden. Und das tat sie.

Montessoris erfand Lehrmaterialien, die alle Sinne ansprechen: Dinge zum Berühren, zum Riechen, zum Schmecken. So entwickelte sie zum Beispiel ein Spielzeug, bei dem das Kind eine Perle berühren und halten kann – dazu einen Block aus 1.000 Perlen. So kann das Kind be-greifen, was die mathematischen Größen 1 und 1.000 bedeuten – lange bevor es abstrakt zählen und rechnen kann.

 

Erwachsene und Kinder ziehen an einem Strang

Maria Montessori war ein Kind ihrer Zeit … einer Zeit, in der die Kinder zu gehorchen hatten, in der die Erwachsenen die Regeln vorgaben und ein eigener Wille „gebeugt“ werden musste. Darum waren ihre Methoden auch keinesfalls selbstverständlich – zum Teil wurde sie sogar von allen Seiten angefeindet. Doch sie ließ sich nicht beirren. In ihren Augen war der Erwachsene ein Verbündeter des Kindes, der dem Kind dabei hilft, seinen Lernhunger zu stillen. Eines ihrer Kinder soll einmal zu ihr gesagt haben: „Hilf mir, es selbst zu tun“ – und das wurde zum Leitsatz ihres Handelns. Das Kind ist sein eigener Lehrer und der Erwachsene – ob Eltern oder Erziehende in der Kita – nimmt sich selbst zurück und begleitet den kindliches Entwicklungsprozess letztlich als Beobachter.

Aber die meisten Erwachsenen wissen auch: Das ist leichter gesagt als getan! Zu ungeduldig wird ein Kind oftmals angeleitet, eine Aufgabe zu lösen, anstatt es selbst probieren zu lassen – inklusive aller Fehler, Irrwege und des Scheiterns! Maria Montessori wusste das sehr wohl und bat darum alle um Geduld, Geduld und nochmals Geduld! Gerade hierin liegt aber leider auch begründet, warum sich die Montessori-Pädagogik letztendlich nicht flächendeckend durchgesetzt hat. Denn wer hat so viel Zeit, jedes Kind sich selbst lernend zu überlassen? Die meisten modernen Erziehungsmethoden setzen Zeitlimits, in denen eine Fähigkeit erworben werden muss. Schon in der Kita werden Lernziele vorgegeben und sorgfältig kontrolliert – und spätestens in der Schule geht es nicht mehr ohne Schulnoten und Leistungsnachweise.

 

Montessoris Methoden – heute noch aktuell

Wer heute im Sinne von Maria Montessori pädagogisch arbeiten will, braucht eine zweijährige, meist berufsbegleitende Zusatzausbildung. Hier vermittelt man die Fähigkeit, die Bedürfnisse des einzelnen Kindes zu erkennen, seine emotionale Situation zu erfassen und dann das Kind angemessen zu begleiten.

Das ist auch wichtig: Denn ein Grundbaustein der Montessori-Pädagogik ist die Freiarbeit. Die Kinder bestimmen selbst, mit welchem Spielzeug sie spielen möchten. Dieses „Lernmaterial“ ist für alle zugänglich, liegt also zum Beispiel in Regalen auf Augenhöhe des Kindes. Auch ist nicht jedes Spielzeug mehrfach vorhanden, damit das Kind lernt, sich mit anderen abzustimmen und mit begrenzten Ressourcen umzugehen. Es ist ausdrücklich auch erlaubt, Fehler zu machen! Zum Beispiel bekommen die Kinder Porzellangeschirr – lassen sie es fallen, erleben sie mit allen Sinnen, dass etwas kaputtgehen kann und „endlich“ ist. So lernen sie hautnah die Konsequenzen ihres Handelns im täglichen Leben kennen und können ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.

„Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.“  Montessori

 

Achtung und Achtsamkeit

Für Maria Montessori war das Kind kein passives und rezeptives Wesen, sondern eine Persönlichkeit mit großer Eigenaktivität und Konzentrationsfähigkeit. Sie verlangte von ihren Lehrenden, dass man aufeinander achtet: die Eltern achten ihr Kind, die Menschen achten sich untereinander und auch die Achtung vor der Schöpfung war ihr eine Herzensangelegenheit.

Würde Montessori heute noch leben, würde sie sicher noch eine weitere Ebene hinzufügen, die viele Menschen leider allzu oft miss-achten: die Selbst-Achtung. Das heißt, dass man die Verantwortung für sein eigenes Wohlergehen, seine Entwicklung und sein Handeln übernimmt. Dies kann nur gelingen, wenn man seine Wünsche und Ziele selbstbestimmt und selbstbewusst formulieren und ausdrücken kann. Auch schon kleine Kinder müssen darin bestärkt werden, auf sich selbst zu achten, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihr Leben immer weiter selbst in die Hand zu nehmen. Welche Methoden, Spielzeuge und Entwicklungsräume hätte sie wohl heutzutage für die Kinder gestaltet?

Vielleicht findet man auf diese Frage in einer der über 600 Montessori-Kitas in Deutschland eine praktische Antwort. Oder auch in einer der fast 400 Montessori-Grund- und Sekundarschulen, die meist in freier Trägerschaft agieren.

Oder man fragt bekannte Montessori-Schüler wie Jeff Bezos (Gründer von amazon), Larry Page und Sergey Brin (Gründer von Google), Prince William und Prince Harry von England, Gabriel Garcia Marquez (Gewinner des Literatur Nobelpreises) oder Heike Makatsch (Schauspielerin). Darüber hinaus gibt es weltweit zahlreiche Vereine und Stiftungen, die das Erbe von Madame Montessori gern weitertragen.

 

7 einfache Praxis-Tipps für eine „montessorische“ Kinder-Förderung

  1.  „Jetzt mal doch mal ein schönes Bild!“

    Stattdessen lassen wir die Kinder entscheiden, was sie gerade spielen möchten. Papier und Malkasten liegen gut erreichbar für das Kind bereit.

  2. „Du hast doch so viel tolle Spielsachen!“

    Statt einem Überangebot an Spiel- und Lernmaterialien hat jeder Gegenstand einen festen Platz, den das Kind sicher findet und gut erreichen kann. Ordnung hilft!

  3. „Nun beeil dich doch mal!“

    Statt das Kind ungeduldig in die Jacke zu zwängen, räumt man ihm Zeit ein, sich selbst an- und auszuziehen. Oder man lässt es das eigene Brot schmieren, auch wenn noch was danebengeht. Auch der Saft, selbst in ein echtes Glas geschüttet, fördert die Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein.

  4. „Sag Danke!“

    Ja! Ein Kind darf auch lernen, die sozialen Beziehungen zu pflegen. Es darf selbständig auf andere zugehen und Guten Tag-Sagen oder um Hilfe bitten.

  5. „Jetzt ist aber Schluss!“

    Wenn das Schäufelchen auf dem Kopf des Nachbarjungen landet, ist das nicht toll … aber auch hier sollten Eltern Geduld bewahren. Nicht immer müssen sie bei einem Streit dazwischengehen oder schlichten – lassen Sie die Kinder auch selbst entscheiden, wer nachgibt oder Nachsicht übt.

  6. „Das gehört sich nicht!“

    Kinder saugen ihre Umgebung auf wie ein Schwamm – ohne die Handlungen zu bewerten.  Sieht ein Kind, dass ein Erwachsener etwas tut, was es selbst nicht tun soll (etwa das Bonbonpapier auf die Straße werfen), wird es diese Handlung mit großer Wahrscheinlichkeit nachmachen. Also: Seien Sie immer ein gutes Vorbild!

  7. „Ich fahr dich zur Schule“

    Statt „Elterntaxi“ lernen die Kinder, altersgerecht für sich und die Verkehrssicherheit ein Stück Verantwortung zu übernehmen. Im Vorschulalter erkunden die Kinder zum Beispiel auf einem selbst gestalteten Brettspiel ihre direkte Umgebung.

 

Montessori in der Praxis

Die Montessori Bildungseinrichtungen sind in Deutschland alternative, aber staatlich genehmigte Einrichtungen. Im Montessori-Kindergarten wird Selbstständigkeit gefordert und die Kinder lernen, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Hier agieren sie in einem geschützten, geborgenen Raum und können sich frei entfalten.

An den meisten Montessori-Schulen (wie auch den Waldorf-Schulen) gibt es bis zur vierten Klasse keine Noten, sondern individuelle Leistungsberichte. Die Fähigkeiten werden in Tabellenform beurteilt. Hier wird auch dokumentiert, welche Themen schon bearbeitet wurden, welchen Wissensstand das Kind aufweist und wie die Persönlichkeitsentwicklung ist.

Für manche Kinder ist es danach nicht so leicht, in eine staatliche Regelschule wie Realschule oder Gymnasium zu wechseln und sie benötigen dann eine gewisse Eingewöhnungszeit in die neue Lernform.

Maria Montessori hat viel bewegt, und ihre tatkräftige und überzeugte Haltung hat viele Menschen auf der ganzen Welt nachhaltig beeindruckt. Noch heute werden ihre Ideen – manchmal ohne es zu wissen – sogar in den modernen „Lernfabriken“ praktiziert. Die Begründerin der Montessori-Pädagogik hat viele wertvolle Spuren hinterlassen. Sie verstarb 1952 im Alter von 82 Jahren.

Mehr Infos: Association Montessori Internationale (AMI)

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