Verhaltensregeln statt Verbote
  • Susi

  • Veröffentlicht am

    Februar 10, 2022

  • Lesedauer

    5 Minuten

Verhaltensregeln statt Verbote: So bringen Sie Ruhe in den Kita-Alltag

Kinderfürsorge Leitlinien für die Früherziehung

Welcher Betreuende in einer Kita kennt das nicht? Da fliegen Spielsachen durch die Gegend, Kinder streiten sich und werden handgreiflich, es wird laut geschrien und gezankt. Da hilft oft nur eines: streng durchgreifen, Regeln und Verbote aufstellen und stets dafür sorgen, dass die Verbote auch eingehalten werden!

„Du darfst nicht mit Spielzeug werfen“ ist zwar ein klares Verbot, aber wenn das Spielzeug ein weiches Kissen ist, ist es vielleicht nicht so gravierend. „Du darfst nicht hauen“ kann für ein schwaches Kind auch eine Anweisung sein, sich nicht selbst zu behaupten … das ist auch nicht der richtige Weg. Und nicht bei jedem Streit unter den Kindern muss ein Erwachsener den Schiedsrichter spielen. Was also kann man in einer Kita anders machen, wenn die Durchsetzung solcher Verbote auf Dauer einfach zu anstrengend wird?

 

Fachleute empfehlen: Verhaltensregeln statt Verbote

Kinder brauchen klare Regeln und Grenzen. Sie bieten Orientierung, geben ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung, machen den Tagesablauf überschaubarer und sichern jedem Kind seinen eigenen Platz in der Kindergruppe. Dabei stimmen die Kita-Regeln natürlich nicht immer mit dem Willen des einzelnen Kindes überein und müssen dennoch – auch zur Sicherheit und Lebensqualität aller – eingehalten werden.

In jeder Kita muss es gruppeninterne und auch gruppenübergreifende Regeln geben. Sie sind wichtig, um das Zusammenleben aller Menschen in einer Kindertagesstätte zu ermöglichen: der Erwachsenen wie der Kinder. Diese Regeln fördern die Entwicklung der Persönlichkeit, der kognitiven Fähigkeiten sowie der Motivation. Vor allem aber sind für jedes Kind die sozialen Kompetenzen von großer Bedeutung, um sich in seinem Umfeld und in der Gesellschaft zu orientieren und seinen Platz zu finden. Höflichkeit, respektvoller Umgang miteinander und die Entwicklung von Teamgeist können in der Kita den Grundstein für ein gutes Miteinander aller legen.

Doch wie lernen Kinder diese positiven Verhaltensregeln? Die Praxis zeigt: nicht über Verbote! Denn oft ist der Sinn eines Verbotes wie „Du darfst andere nicht verletzen“ einem kleinen Kind nicht verständlich vermittelbar. Darum plädieren Fachleute heute für die Etablierung von Verhaltensregeln.

 

Rücksicht, Vorsicht, Nachsicht

Die Wahrnehmung seiner Mitmenschen und der näheren Umgebung ist eine der wichtigsten Aufgaben im täglichen Kita-Alltag. Nur wenn sich alle in der Kita-Gruppe aufeinander einlassen, kann ein friedliches und entspanntes Zusammensein möglich werden. Darum sind die klassischen „Tugenden“ wie Rücksicht, Vorsicht und auch Nachsicht wesentliche Bausteine für die Verhaltensregeln in der Gruppe. Dabei lernen Kinder, sich auch mal selbst zurückzunehmen und das Wohl der anderen zu fördern – eine Haltung, die gerade in Corona-Zeiten in den Familien oftmals abhanden gekommen ist.

Die oberste Verhaltensregel kann zum Beispiel lauten: „Wir geben aufeinander acht“. Die Kinder werden ermutigt, ihre Umgebung wahrzunehmen und zu sehen, was um sie herum passiert. Jemand sitzt in der Ecke ganz allein? Wir gehen gemeinsam auf das Kind zu und sprechen mit ihm. Zwei Kinder streiten? Ein gleichaltriges Kind kann zum Schiedsrichter ernannt werden und den Streit schlichten. Jemand schreit laut und alle sind genervt? In der Gruppe können Flüster-Zeiten etabliert werden, in denen alle leiser sprechen oder singen.

„Wir sitzen alle in einem Boot“, bzw. Gruppenraum! Auch das kann ein Aspekt des gemeinsamen Miteinanders sein. Als Erwachsener weiß man, dass man manche Ziele nur gemeinsam mit anderen erreicht. Die Kinder lernen es erst! Um sich klarzumachen, dass das Ergebnis viel besser wird, wenn alle dabei mitmachen, können „Kinder-Versammlungen“ einberufen werden. Hier werden Probleme in der Gruppe besprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht (anstatt von „oben“ neue Verbote aufzustellen). Aus „Der haut mich immer mit Klötzen“ kann vielleicht entstehen, dass alle aus der Gruppe darauf achten, dass Rudi nicht allein spielen muss. Dazu gehört auch das Lernen des Verhaltens „Nachsicht“. Dass nicht jedes Kind perfekt ist und jede Gruppe nur aus Freunden besteht, ist ein wichtiger Entwicklungsprozess.

 

„Das kannst du“ statt „Das darfst du nicht“

Viele Erzieherinnen und Erzieher haben es selbst erlebt: Je mehr man versucht, die Kinder zu kontrollieren, desto weniger Selbstbeherrschung zeigen sie. Und umso mehr muss der Erwachsene eingreifen und verbieten. Ein guter Weg, diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist es, sich auf die gleiche Ebene wie das Kind zu stellen. „Wir sind im selben Team“ schafft ein Vertrauensverhältnis, bei dem beide Parteien die gleichen Rechte – aber auch Pflichten haben. Die Kinder erkennen meist sehr schnell, was sie dürfen (oder nicht), aber genauso schnell entdecken sie auch die Vorteile von eigenem, selbstverantwortlichem Handeln.

„Wascht euch die Hände!“ kann zu einem zeit- und nervenraubenden Ritual vor jedem Essen werden, wenn der Betreuende sich damit abmüht, alle kleinen Hände zu kontrollieren oder nachzubessern. Wie wäre es mit einem Händewasch-Abklatsch-Verantwortlichen aus der Gruppe? Er oder sie bekommt „high five“ von allen, die sich die Hände gewaschen haben und die Aufgabe wurde so delegiert.

Wenn Sie beschließen, in Ihrer Kinderbetreuungseinrichtung allgemein gültige Verhaltensrichtlinien einzuführen, nehmen Sie auch hier wieder alle Beteiligten mit auf den Weg. Fragen Sie sich und Ihr Team: Wie können wir die Kinder dazu bringen, ihr Verhalten zum Wohle aller zu verbessern? Fragen Sie die Kinder: Wie schaffen wir es, dass sich alle in der Kita wohlfühlen? Und vergessen Sie vor allem nicht, auch die Eltern in ihre Überlegungen mit einzubeziehen.

 

Die Anwendung im Kita-Alltag

Wenn Kita-Kinder gelernt haben, was es bedeutet, selbständig aufeinander aufzupassen, können Sie mit dieser Grundhaltung in vielen Bereichen arbeiten. Wenn Sie sehen, dass ein Kind einen Klotz schmeißen will, können Sie an die Verhaltensregeln erinnern: „Denk daran, dass wir in unserer Gruppe aufeinander achtgeben. Wenn du jetzt wirfst, könntest du ein anderes Kind verletzen. Gibt es nicht etwas anderes, das nicht wehtut, wenn du aus Versehen damit triffst?“ Vielleicht findet das Kind dann auch Spaß am Socken-Werfen …

Passen Sie auch Ihr Verhalten den neuen Richtlinien an:

 

  • Verwenden Sie „Ich“-Aussagen wie „Ich mache mir Sorgen, weil …“.
  • Erinnern Sie das Kind an die Verhaltensregeln (“In unserer Gruppe geben wir aufeinander acht.“)
  • Finden Sie gemeinsam eine Problemlösung („Wie kannst du rennen, ohne andere umzurennen?“) 

Verhaltensrichtlinien dienen nicht nur der Sicherheit im Gruppenraum – sie ermutigen Kinder und Erwachsene auch zur selbständigen Problemlösung. Sie verlangen von einem Kind jetzt nicht mehr, dass es ein Verhalten einfach abstellt, sondern dass es einen Weg findet, dies zu tun und gleichzeitig auf andere Rücksicht zu nehmen. Diese Art der Problemlösung gibt dem Kind das Gefühl, die Kontrolle zu haben, und fördert mit der Zeit die Selbstbeherrschung.

Diese Grundidee kann auch bei anderen Fragen helfen, z. B. wenn es darum geht, ob Kinder raufen, mit Waffen kämpfen oder Superhelden spielen dürfen. All das kann ja schnell auch zu Verletzungen führen oder andere, unbeteiligte Kinder beeinträchtigen. Aber prüfen Sie zunächst:

 

  • Geben die spielenden Kinder aufeinander acht?
  • Sind sie noch in der Lage das Spiel zu beenden, wenn es zu gefährlich wird?
  • Wenn sich jemand wehtut, wird dann das Spiel unterbrochen, um sich gegenseitig zu helfen? 

Vielleicht können auf diese Weise einige Situationen, in denen Sie früher eingeschritten sind und Verbote ausgesprochen haben, durch Rücksicht, Nachsicht und Vorsicht der Kinder selbst soweit entschärft werden, dass sich am Ende des Kita-Tages alle – auch Sie! – entspannt und zufrieden fühlen.

 

Auch Eltern sind gefragt

Aufeinander achtzugeben hört natürlich nicht an der Kita-Tür auf! Auch die Eltern sind gefragt, wenn es um Verhaltensrichtlinien geht, die dem Allgemeinwohl dienen. Dazu gehört zum Beispiel das Einhalten der Bring- und Abholzeiten oder das Abmelden des Kindes bei Nichtkommen. Hier bieten moderne Kommunikationssysteme, wie z. B. die Parent Software, inzwischen leichte und schnelle Lösungen an, mit denen die Abstimmung zwischen Kita und Eltern per App funktioniert.

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